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Ein Jahr Lebensmittelausgabe in Longerich

Kisten, Kisten, Kisten! Heute hat die Tafel ganz besonders viele geliefert. Zwei- bis dreistöckig stapeln sie sich auf den Tischen im Pfarrheim St. Dionysius. Fünf ehrenamtliche Helfer versuchen sich in dem engen Raum nicht anzurempeln, während sie den Inhalt der Kisten sortieren: Paprika, Avocados, Zucchini, Tüten mit Suppengrün, jede Menge Brot und Kuchen, Salat, Pilze, vielerlei Obst. Dazwischen Joghurtbecher, Handcreme, marinierte Schweineschnitzel, Zahnbürsten und … und … und … Sogar eine Partie Stiefmütterchen ist diesmal dabei.

Seit gut einem Jahr verteilt eine Gruppe von Ehrenamtlern jeden Freitag Lebensmittel und andere Dinge, die von der Kölner Tafel geliefert werden an Menschen mit besonders wenig Geld. Etwa 75 Prozent der Empfänger sind Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, der Rest Deutsche, darunter etliche Rentner mit Erwerbsminderung.

Weil es viele Helfer gibt, ist jeder nur alle vier Wochen dran. „Das kann ich gut mit dem Beruf unter einen Hut bringen“, sagt Gerburg Brandt. Andere sind Rentner und können auch mal einspringen, wenn in einem anderen Team jemand ausfällt. Besonders erfreulich ist, dass auch drei Geflüchtete regelmäßig mithelfen. Sie tragen außerdem als Übersetzer dazu bei, dass Unklarheiten oder Missverständnisse meist schnell beseitigt werden.

Erst mal heißt es aussortieren, was nicht mehr brauchbar ist. Das ist gar nicht so einfach: Kann man den schlapp gewordenen Salat noch mal regenerieren? Sind die Bananen schon so braun, dass sie keiner mehr isst? Ganz eindeutig ist die Antwort bei einer Kiste Rhabarberstangen, in Plastik verpackt: Das Gemüse schwimmt in faulig stinkender Flüssigkeit. Weg damit! Sehr viel appetitlicher präsentiert sich der Rosenkohl: knackig-grün, aber ebenfalls in Plastikfolie. Und darauf steht das Verfallsdatum: heute!

Inzwischen werden die sortierten Lebensmittel in andere Kisten umgepackt. Es gibt kleine für Einzelpersonen und große für Familien mit Kindern. Oft ist es gar nicht einfach, alles sinnvoll und gerecht zu verteilen.

Auch bei der Lebensmittelausgabe in Longerich gibt es bisweilen Probleme. Das liegt aber nur selten an den Menschen. Die sind in der Regel freundlich, geduldig und dankbar. Schwierig ist anderes: Aus Syrien Geflüchtete kennen viele unserer Gemüsesorten gar nicht und haben keine Ahnung, wie man sie zubereiten kann, etwa Rettich oder Rosenkohl. So was bleibt dann oft liegen. Bei den Ehrenamtlichen hat das anfangs zu Frust geführt. Andererseits: Wenn wir in Syrien Mamouniyeh, Foul, Manaqish oder Zeyt & Zaatar vorgesetzt bekämen, wären wir wohl ebenso ratlos.
Eine weitere Schwierigkeit: Die Aufschriften auf Verpackungen können viele nicht verstehen. Und eine besorgte Frage der Menschen moslemischen Glaubens ist immer: „Schwein?“ Das ist ja oft nicht leicht zu erkennen und versteckt sich klein gedruckt in der Zutatenliste oder als „harmlose“ Gelatine. Dann müssen die Kinder auf die leckeren Gummibärchen verzichten und verstehen gar nicht, warum

Und noch ein Problem: In den Flüchtlingsunterkünften gibt es wenig Kühlschränke. Auch deshalb können sie nicht immer alles mitnehmen. Zum Beispiel, als es nach Ostern kistenweise rohe Eier gab, kurz vor dem Ablaufdatum. So etwas stellt unser Team dann vor die Frage: Wohin damit? Häufig bleibt dann leider doch nur die Mülltonne.

Es ist unterschiedlich, was die Tafel anliefert. Oft ist es viel, manchmal aber auch eher wenig. Deshalb werden haltbare Lebensmittel wie Reis, Kichererbsen, Linsen zugekauft. Finanziert wird das durch Spenden.

Zwischendurch heißt es für die Ehrenamtlichen, den echten Müll zu trennen von dem, was für die Läden schon Abfall war. Inzwischen stehen die „Kunden“ geduldig mit großen Taschen oder Einkaufswagen bereit. Sie zeigen ihre Berechtigungskarten und zahlen einen kleinen Euro-Betrag. Der soll bewirken, dass die Lebensmittelausgabe nicht als selbstverständlich angesehen wird, sondern dass jeder sie wertschätzt, weil er einen symbolischen Preis dafür zahlen muss. Drumherum wuseln Kinder aus dem „Elterncafé“ der Flüchtlingsinitiative WiLo, das gleichzeitig im Pfarrsaal stattfindet. „Das Schöne ist“, sagt Gemeindereferentin Beate Schultes der Katholischen Nachbargemeinde St. Dionysius, „dass Menschen über die Lebensmittelausgabe auch das Elterncafé oder andere Hilfen kennen lernen. Außerdem bringen sie oft andere mit, die sich sonst nicht hierhin getraut hätten.“

Unter den Wartenden ist heute auch Rentner S. Er sagt: „Nächstes Mal kann ich nicht kommen. Da bin ich in Urlaub – zum ersten Mal im Leben! Ich bin so aufgeregt und freue mich so. Aber ich bin auch froh, wenn ich danach wieder zu Ihnen kommen kann …“ Da ist man als Helfer einfach nur gerührt, nachdenklich und dankbar. Und fauler Rhabarber wird auf einmal ganz unwichtig.
Winfried Kappert